Gasspeicher so leer wie seit Jahren nicht: Wohnungswirtschaft warnt vor Risiken im Winter
Die rund 3.000 im GdW organisierten Wohnungsunternehmen versorgen etwa 13 Millionen Menschen in Deutschland mit Wohnraum, ein erheblicher Teil davon mit Gasheizungen oder gasgestützter Wärmeversorgung. Zwar sind private Haushalte nach § 53a des Energiewirtschaftsgesetzes (EnWG) als „geschützte Kunden“ im Falle einer Gasmangellage rechtlich vorrangig zu versorgen. Für Wohnungsunternehmen liegen die Risiken einer Gasknappheit deshalb vor allem bei steigenden Preisen, Beschaffungsrisiken und den Folgen einer möglichen Industrie- und Konjunkturkrise.
„Ein Füllstand unter 49 Prozent Mitte August ist kein Grund zur Panik, aber ein deutliches Warnsignal. Die Bundesnetzagentur nennt die Lage stabil – das mag zum heutigen Zeitpunkt im Spätsommer stimmen, ignoriert aber die aktuelle geopolitische Weltlage. Entscheidend ist die Frage, was passiert, wenn im Januar oder Februar eine mehrwöchige Kältephase kommt, wie wir sie erst im vergangenen Winter erlebt haben. Dann zählt nicht mehr nur, wie viel Gas im Speicher liegt, sondern wie schnell es bei sinkendem Druck noch ausgespeichert werden kann. Genau diese Physik wird in der öffentlichen Debatte bislang unterschätzt“, sagte GdW-Präsident Axel Gedaschko.
Deutsche Gasspeicher deutlich unter Vorjahresniveau
48,72 Prozent – mehr Füllstand hatten die deutschen Gasspeicher am 11. August nicht. Das entspricht rund 120 Terawattstunden Gas. Ein Jahr zuvor lag der Füllstand zum selben Zeitpunkt noch bei 64,7 Prozent. Auch im europäischen Vergleich steht Deutschland schlechter da: EU-weit waren die Speicher zu 59,4 Prozent gefüllt, fast elf Prozentpunkte mehr als hierzulande.
Bis zum 1. November sollen die deutschen Speicher gesetzlich zu 80 Prozent gefüllt sein. Sechs Anlagen müssen allerdings nur 45 Prozent erreichen. Beim derzeitigen Einspeichertempo hält der Deutsche Verein des Gas- und Wasserfaches (DVGW) bis Anfang November lediglich einen Füllstand von rund 60 Prozent für realistisch.
Die als Absicherung geplante strategische Gasreserve des Bundes kommt für den bevorstehenden Winter noch zu spät. Nach Angaben der Initiative Energien Speichern (INES) kann sie frühestens 2027 greifen.
Wie schnell sich die Lage zuspitzen kann, zeigte bereits der Januar 2026. Damals sank der bundesweite Füllstand auf 38,1 Prozent. Deutschlands größter Einzelspeicher in Rehden war nur noch zu 10,8 Prozent gefüllt. Gleichzeitig stiegen die Großhandelspreise für Gas um rund 38 Prozent.
Füllstand allein sagt wenig über Versorgungssicherheit
Entscheidend ist nicht nur, wie viel Gas noch gespeichert ist, sondern auch, wie schnell es im Bedarfsfall entnommen werden kann. Rund zwei Drittel der deutschen Speicherkapazität befinden sich in sogenannten Porenspeichern. Das sind frühere Erdgaslagerstätten, in denen das Gas durch Gestein zu den Förderstellen strömen muss.
Je leerer diese Speicher werden, desto stärker sinkt der Druck und damit die Gasmenge, die pro Stunde zur Verfügung steht. Bei sehr niedrigen Füllständen kann die Entnahmeleistung nach Einschätzung von Fachleuten auf 30 bis 50 Prozent des Höchstwerts fallen. Dann ist zwar rechnerisch noch Gas vorhanden, es kann bei hoher Nachfrage aber möglicherweise nicht schnell genug bereitgestellt werden.
Die flexibleren Kavernenspeicher in Salzstöcken machen nur rund ein Drittel der deutschen Kapazität aus und können diesen Leistungsabfall nicht vollständig auffangen. Ein Teil des Gases muss zudem dauerhaft in den Speichern bleiben, um den notwendigen Mindestdruck aufrechtzuerhalten. Dieses sogenannte Kissengas steht für die Versorgung nicht zur Verfügung.
GdW fordert: Gasversorgung jetzt absichern und Mieter wirksam schützen
Die Bundesregierung muss die Finanzierung und den Aufbau der strategischen Gasreserve deutlich beschleunigen. Eine Reserve, die erst 2027 greift, bietet für den bevorstehenden Winter keinen Schutz. Es braucht jetzt eine belastbare Absicherung gegen länger anhaltende Kälteperioden und unerwartete Lieferausfälle.
Zugleich müssen Bundesnetzagentur und Trading Hub Europe transparenter über die tatsächliche Versorgungslage informieren. Der prozentuale Füllstand allein reicht dafür nicht aus. Künftig sollte regelmäßig auch veröffentlicht werden, wie viel Gas die Speicher bei ihrem jeweiligen Füllstand tatsächlich pro Stunde liefern können.
Außerdem muss sichergestellt werden, dass der gesetzliche Schutz privater Haushalte in der Praxis lückenlos greift. Das gilt insbesondere für Wohngebäude, die über Fernwärme oder Contracting versorgt werden und technisch teilweise nicht als klassische Haushaltskunden erfasst sind. Auch die Bewohner großer Wohnanlagen dürfen in einer Gasmangellage nicht durch das Raster fallen.
Schließlich muss die staatliche Krisenplanung auch die indirekten Folgen einer Gasknappheit berücksichtigen. Stark steigende Energiepreise, unsichere Beschaffungskosten und eine mögliche Industrie- und Konjunkturkrise würden Wohnungsunternehmen und Mieterhaushalte erheblich belasten. Diese Risiken gefährden Investitionen in bezahlbares und klimafreundliches Wohnen und müssen deshalb als Teil der sozialen Wohnraumversorgung mitgedacht werden.