Neue Impulse für die Mobilität auf dem Land: Analyse europäischer Ansätze
Mit der Studie „Mobilität in ländlichen Räumen – Eine vergleichende Analyse von Ansätzen in Europa“ legt das BBSR eine umfassende Untersuchung zur Zukunft der Mobilität außerhalb der Städte vor.
Analysiert wurden Strategien und Maßnahmen aus 29 europäischen Ländern, ergänzt durch vertiefende Fallstudien und Experteninterviews in Belgien, Frankreich, Irland, Österreich und der Schweiz.
Die Ergebnisse machen deutlich: Leistungsfähige Mobilität in ländlichen Räumen entsteht durch ein abgestimmtes Gesamtsystem. Mobilitätspläne, Verbindliche Standards, eine verlässliche Finanzierung und eine konsequente Umsetzung vor Ort müssen ineinandergreifen. Auf dieser Grundlage identifiziert die Studie verschiedene Handlungsfelder, jeweils mit Blick auf ihre Umsetzbarkeit in Deutschland.
Verlässliche Standards als Grundlage
Ein zentraler Hebel sind gesetzlich verankerte Versorgungspflichten und Mindestbedienstandards im öffentlichen Verkehr. Sie definieren, wie gut Regionen erreichbar sein müssen, wie häufig Verbindungen angeboten werden und wie Anschlüsse gesichert werden. Damit schaffen sie Verlässlichkeit und schließen Versorgungslücken.
In der Schweiz sind solche Standards vielfach auf kantonaler Ebene geregelt. In Flandern sorgt das Konzept der Basiserreichbarkeit für klare Vorgaben, während in Irland mit der nationalen Strategie „Connecting Ireland“ eine flächendeckende Versorgungspflicht etabliert wurde. In Deutschland fehlt bislang ein bundesweit einheitlicher Rahmen, auch wenn einzelne Bundesländer – etwa Baden-Württemberg – sowie Kommunen wie Hannover bereits eigene Standards entwickelt haben.
Planung vereinfachen, Umsetzung erleichtern
Gerade kleinere Kommunen stehen häufig vor der Herausforderung, Mobilitätsstrategien mit begrenzten Ressourcen zu entwickeln. Hier setzen vereinfachte Mobilitätspläne an, die einen niedrigschwelligen Einstieg ermöglichen. Vorbild sind die nachhaltigen urbanen Mobilitätspläne (SUMP) der Europäischen Union, die ursprünglich für Städte entwickelt wurden.
Frankreich hat dieses Konzept gezielt auf ländliche Räume übertragen und einen entsprechenden Leitfaden entwickelt. In Deutschland wäre eine Einführung auf Basis bestehender Landesgesetze grundsätzlich möglich. Erste Ansätze, etwa in Hessen, zeigen, dass sich solche Instrumente auch im ländlichen Kontext anwenden lassen.
Verkehr und Raum gemeinsam denken
Ein weiterer Schlüssel liegt in der engeren Verzahnung von Verkehrs- und Raumplanung. Das Schweizer Agglomerationsprogramm zeigt beispielhaft, wie Mobilität, Siedlungsentwicklung und Infrastruktur systematisch miteinander verbunden werden können, um eine langfristig tragfähige Versorgung sicherzustellen.
Für Deutschland sieht die Studie Anknüpfungspunkte im Konzept der Zentralen Orte, das bereits in den Landesentwicklungsplänen verankert ist. Eine stärkere Verknüpfung mit Mobilitätsstrategien könnte dazu beitragen, die funktionalen Beziehungen zwischen Städten und ihrem Umland gezielter zu stärken.
Verkehrsverbünde flächendeckend stärken
Auch institutionelle Strukturen spielen eine entscheidende Rolle. Die verpflichtende Einbindung aller Gemeinden in Verkehrsverbünde sorgt für einheitliche Tarifsysteme, abgestimmte Fahrpläne und gemeinsame Vertriebswege.
In Österreich ist eine solche Integration bereits vorgeschrieben. In Deutschland hingegen bestehen trotz einer Vielzahl an Verkehrsverbünden weiterhin Lücken, insbesondere in kleineren und ländlichen Kommunen. Eine flächendeckende Einbindung wäre grundsätzlich über Anpassungen der jeweiligen Landesgesetze möglich.
Knotenpunkte ausbauen, Angebote vernetzen
Multimodale Knotenpunkte – also Orte, an denen verschiedene Verkehrsmittel miteinander verknüpft werden – können die Erreichbarkeit deutlich verbessern und den Umstieg erleichtern. Beispiele aus Österreich und Flandern zeigen, wie solche Knotenpunkte gezielt auch in ländlichen Räumen entwickelt werden können.
In Deutschland existieren bereits entsprechende Ansätze, allerdings bislang ohne flächendeckende und systematische Umsetzung. Eine stärkere Integration in Raumordnungs- und Nahverkehrsplanung könnte hier für mehr strategische Klarheit sorgen.
Flexible Angebote besser integrieren
Zunehmend wichtig werden auch Bedarfsverkehre wie Rufbusse oder On-Demand-Angebote. Die Studie zeigt, dass ihr Nutzen vor allem dann steigt, wenn sie konsequent in bestehende Liniennetze, Tarifsysteme und Informationsangebote eingebunden sind.
Deutschland verfügt bereits über zahlreiche solcher Angebote. Für eine breitere Wirkung wären jedoch verlässliche Förderstrukturen, eindeutige Zuständigkeiten sowie eine stärkere Integration in den klassischen öffentlichen Verkehr erforderlich.
Insgesamt verdeutlicht die Studie, dass viele europäische Ansätze auf Deutschland übertragbar sind, angepasst an die föderalen Strukturen. Entscheidend sind dabei verlässliche Rahmenbedingungen und eine bessere Abstimmung zwischen Bund, Ländern und Kommunen.
Die Sicherung gleichwertiger Lebensverhältnisse zwischen Stadt und Land bleibt damit auch eine Frage der Mobilität und ihrer strategischen Gestaltung. (schla)

Die Studie finden Sie hier.