Landtagswahl 2026: Wohnungswirtschaft fordert Kurswechsel für bezahlbares Wohnen in Baden-Württemberg
Stuttgart – Bezahlbarer Wohnraum ist eine zentrale Voraussetzung für die wirtschaftliche und soziale Zukunft Baden-Württembergs. Vor diesem Hintergrund hat der Verband baden-württembergischer Wohnungs- und Immobilienunternehmen (vbw) im Vorfeld der Landtagswahl Ende März 2026 ein umfassendes Forderungspapier vorgelegt. Darin wird deutlich: Ohne einen grundlegenden Kurswechsel bei Baukosten, Standards, Verfahren und Förderinstrumenten wird es nicht gelingen, die Wohnraumnachfrage zu decken und Mieten dauerhaft bezahlbar zu halten.
Nach aktuellen Berechnungen besteht in Baden-Württemberg eine Wohnbaulücke von rund 200.000 Wohnungen. Gleichzeitig ist der Neubau bezahlbarer Wohnungen in den vergangenen Jahren deutlich schwieriger geworden. Gestiegene Bau- und Grundstückskosten, hohe Zinsen, lange Genehmigungsverfahren sowie überzogene energetische Anforderungen treiben die Kosten und damit letztlich auch die Mieten.
Die gemeinwohlorientierte Wohnungswirtschaft leistet bereits heute einen erheblichen Beitrag zur Versorgung breiter Bevölkerungsschichten: Die rund 270 vbw-Mitgliedsunternehmen bewirtschaften mehr als 460.000 Wohnungen mit einer durchschnittlichen Miete von 7,33 Euro pro Quadratmeter, deutlich unter den regionalen Mietspiegeln. Doch auch dieses Modell stößt zunehmend an wirtschaftliche Grenzen.
Baukosten senken – Standards pragmatisch überprüfen
Ein zentraler Hebel zur Schaffung bezahlbaren Wohnraums ist die Senkung der Baukosten. Der vbw spricht sich deshalb für eine deutliche Absenkung von Baustandards aus. Vorgeschlagen wird die Einführung einer neuen Gebäudekategorie mit vereinfachten Anforderungen, klarer Rechtssicherheit bei Vermietung und Haftung sowie praktikablen Abweichungsmöglichkeiten von technischen Normen. Vorbild kann dabei der sogenannte „Hamburg-Standard“ sein.
Zudem fordert die Wohnungswirtschaft eine grundlegende Überarbeitung der Stellplatzpflicht. Ein Mindeststellplatzschlüssel von null Stellplätzen pro Wohnung soll in der Landesbauordnung verankert werden. Kommunen sollen nur bei begründetem Bedarf höhere Anforderungen festlegen können. Tiefgaragen seien ein erheblicher Kostentreiber und stünden häufig nicht mehr im Einklang mit veränderten Mobilitätsbedürfnissen.
Klimaschutz wirksam und bezahlbar gestalten
Auch beim Klimaschutz plädiert der vbw für mehr Effizienz und Augenmaß. Zahlreiche Studien zeigen, dass immer höhere Energiestandards im Neubau kaum zusätzliche Einsparungen bringen, aber massive Mehrkosten verursachen. Der EH-55-Standard stelle im Neubau das beste Kosten-Nutzen-Verhältnis dar, während im Bestand ein Effizienzhaus-140-Standard ausreichend sei.
Statt einer Vielzahl kleinteiliger Vorgaben fordert die Wohnungswirtschaft einen verbindlichen Emissionsminderungspfad als zentrales Steuerungselement. Ergänzend sollen geringinvestive Maßnahmen mit schneller CO2-Wirkung priorisiert und gezielt gefördert werden. Auch der Erhalt des Gebäudebestands und die Vermeidung grauer Emissionen müssten stärker in den Fokus rücken.
Genehmigungsverfahren beschleunigen
und Beteiligung ausgewogen gestalten
Lange Planungs- und Genehmigungsverfahren wirken unmittelbar kostentreibend. Der vbw fordert daher eine bessere personelle und digitale Ausstattung der Bauverwaltungen sowie eine Vereinfachung der Prüf- und Nachweispflichten. Gutachten von öffentlich bestellten und vereidigten Sachverständigen müssten verbindlich anerkannt werden.
Mit Blick auf Bürgerbeteiligung spricht sich der Verband für klarere Regeln aus. Wiederholte Bürgerentscheide zu bereits entschiedenen Vorhaben sowie unbegründete Einwendungen verzögerten Wohnungsbauprojekte erheblich und sollten begrenzt werden.
Wohnraumförderung ausbauen und Finanzierung sichern
Die jüngste Aufstockung der Mittel für den sozialen Wohnungsbau wird zwar begrüßt, reicht nach Ansicht des vbw jedoch nicht aus. Baden-Württemberg beteiligt sich bislang deutlich geringer an der Wohnraumförderung als andere Bundesländer. Ziel müsse es sein, die Bundesmittel vollständig durch Landesmittel zu ergänzen.
Zudem sei eine grundlegende Reform der Förderkonditionen notwendig. Die derzeit zulässigen Mieten im geförderten Wohnungsbau deckten die tatsächlichen Kosten häufig nicht. Der vbw fordert daher höhere Subventionswerte, vereinfachte Förderanträge und ergänzend eine zielgenaue Subjektförderung für Mieterhaushalte.
Zur Stabilisierung der Finanzierung schlägt der Verband unter anderem ein Landesbürgschaftsprogramm vor, um Beleihungsprobleme bei geförderten Wohnungen zu überwinden. Auch der Wegfall der Grunderwerbsteuer bei Fusionen gemeinwohlorientierter Wohnungsunternehmen sowie mehr Handlungsspielräume für kommunale Wohnungsunternehmen werden gefordert.
Bauland aktivieren und politisch Rückenwind nutzen
Neben der Innenentwicklung wird auch neues Bauland benötigt, um den Wohnraumbedarf zu decken. Konzeptvergaben sollen dabei stärker genutzt werden, allerdings ohne überzogene Vorgaben, die bezahlbares Bauen verhindern. Bei Erbbaurechten seien sehr niedrige Erbbauzinsen Voraussetzung für wirtschaftliche Projekte.
Abschließend appelliert der vbw an die Landespolitik, ihr Gewicht auch auf Bundes- und EU-Ebene stärker einzubringen, etwa für verlässliche Förderbedingungen, eine Senkung der Mehrwertsteuer im geförderten Wohnungsbau und höhere beihilferechtliche Spielräume in Europa.
Bezahlbarer Wohnraum entsteht nicht durch immer neue Anforderungen, sondern durch verlässliche Rahmenbedingungen, effizienten Klimaschutz und eine konsequente Ermöglichungskultur. Mit seinem Positionspapier zur Landtagswahl 2026 macht der vbw deutlich, welche Weichen jetzt gestellt werden müssen, damit Wohnen in Baden-Württemberg auch künftig bezahlbar bleibt. (schu/schi)
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