Jahrestagung des Kompetenzzentrums Großsiedlungen: Das neue Bild der Großsiedlung – urbane Vielfalt und baukulturelle Qualität
Veränderungen in der Wahrnehmung der großen Wohngebiete des 20. Jahrhundert sind nicht nur mit Blick auf den Bestand von Bedeutung. Der drängende Wohnungsbedarf führt in den Städten zur Notwendigkeit eines schnelleren Wohnungsbaus mit hohen Stückzahlen. Die Frage nach neuen Bildern zielt deshalb ebenso auf die qualitativen Ansprüche an neue große Quartiere.
„Großsiedlungen wie die Gartenstadt Potsdam Drewitz zeigen die Bedeutung von Investitionen in bezahlbare Wohnungen und in die städtebauliche und technische Infrastruktur. Dazu zählen sanierte Schulen, Bibliotheken und Sportanlagen, Parks, eine zentrale Wärmeversorgung mit Fernwärme und die energetische Gebäudesanierung. Das alles steigert die Lebensqualität der Bewohnerinnen und Bewohner und fördert das Miteinander in großen Siedlungen. Der Bund beteiligt sich daran mit Mitteln der Städtebauförderung und weiteren Programmen, wie der Sanierung kommunaler Einrichtungen oder der energetischen Stadtsanierung, denn die Quartiere sollen liebens- und lebenswert bleiben. Sanierung und Neubau im Bestand sowie die Entwicklung neuer Stadtquartiere mit verschiedenen Wohnformen und attraktiven Freizeitangeboten helfen dabei mit, dass das neue Bild der Großsiedlung in der Öffentlichkeit geschärft wird. Die Arbeit in und mit den Großsiedlungen ist auch für die Erreichung der baukulturellen Ziele der Bundesregierung wichtig“, erklärte Klara Geywitz, Bundesministerin für Wohnen, Stadtentwicklung und Bauwesen.
Oberbürgermeister Mike Schubert skizzierte, wie es in Potsdam gelungen ist, die Großsiedlung Drewitz so umzugestalten, dass sie heute von der Stadtöffentlichkeit als Gartenstadt wahrgenommen wird. Diesen Weg, ihren Großsiedlungen durch besondere Funktionen und Gestaltmerkmale jeweils spezifische Images und Gesichter zu geben, wird die Stadt weiterverfolgen.
Dass dabei die Wohnungsunternehmen zentrale Akteure sind, die immer mehr über ihr Kerngeschäft des Wohnungsbaus hinaus zu Gestaltern vielfältiger Stadtquartiere werden, betonte Maren Kern als Vorstand des BBU Verband Berlin-Brandenburgischer Wohnungsunternehmen. Sie müssten dazu allerdings auch wirtschaftlich in der Lage sein.
Reiner Nagel verwies als Vorstandsvorsitzender der Bundesstiftung Baukultur auf den baukulturellen Anspruch an Bestandserneuerung und Neubau großer Stadtquartiere. Es sei kein Zufall, dass die Tagung in Kooperation mit der Stiftung konzipiert wurde, um die Bedeutung von Gestaltqualität im Einklang mit funktionaler Attraktivität der Siedlungen und ihrer Infrastrukturen hervorzuheben. Auch der aktuelle Baukulturbericht 024/2025 der Bundesstiftung widmet sich dem Thema Infrastruktur.
Die öffentliche Infrastruktur und der öffentliche Raum spielen für die Wahrnehmung der Großsiedlungen und den Zusammenhalt der Nachbarschaften eine herausgehobene Rolle. Dass sich die Kommunen dieser Verantwortung bewusst sind, betonte Thomas Dienberg als Bürgermeister der Stadt Leipzig und Vertreter der Deutschen Städtetages. Die Qualität von Kitas und Schulen, Zentren, Freizeit- und Grünflächen sei für die Großsiedlungen besonders wichtig, da hier erhebliche Integrationsleistungen für die Gesamtsstadt erbracht werden.
Neue Bilder des Bestandes
Wie urbane Vielfalt in hoher Gestaltqualität gelingen kann, zeigten die vorgestellten Beispiele: Vincent Verbiest, Gebietsentwickler der Wohnungsstiftung Rochdale, schilderte, wie die Amsterdamer Großsiedlung Bijmer Meer, ein spektakuläres Vorzeigeprojekt der 1960/70er Jahre, nach Jahrzehnten des Niedergangs in einem langjährigen Prozess grundhaft umgestaltet und durch neue Wohnformen, bis hin zum kleinteiligen privaten Wohnungsbau, ergänzt wird.
Als Beispiel für den Imagewandel einer Großsiedlung in einer kleineren Stadt zeigte Christian Zeigermann, Geschäftsführer der kommunalen Wohnungsbaugesellschaft von Wernigerode, die grundhafte Neugestaltung des Quartiers Stadtfeld: aus Innenhöfen werden „Klimagärten“, aus gleichförmigen Wohnzeilen am Stadtauftakt werden „Hingucker“ mit geschwungenen Fassaden.
Wie Stadt und kommunale Wohnungsbaugesellschaft gemeinsam die Erneuerung und Ergänzung der Infrastruktur und der Wohnbebauung zusammendenken, schilderte Geschäftsführer Ralf Schekira am Beispiel der Nürnberger Großsiedlung Langwasser. Nach einem langfristigen Masterplan bekommt ein großer Stadtteil Schritt für Schritt ein neues Antlitz, bei dem Neubau und Bestand wie selbstverständlich zusammenspielen sollen.
Integrierte neue Stadtquartiere
Christina Salmhofer vom Bauentwicklungsamt Stockholm stellte vor, wie aus einer Industriebrache der neue Stadtteil Royal Seaport entstanden ist. Stadtbildprägende historische Industriebauten wurden als identitätsstiftende Anker neuer Quartiere mit ganz unterschiedlichen Wohn- und Eigentumsformen und Infrastrukturangeboten erhalten und umgebaut.
Bremen hat ihre große Wohnstadt Osterholz Tenever grundhaft umgestaltet und ist mitten im Prozess der schrittweisen Erneuerung der Neuen Vahr. Senatsbaudirektorin Prof. Dr. Iris Reuther schilderte am Beispiel neuer Stadtquartiere, welche Lehren ihre Stadt aus dem Siedlungsbau des 20. Jahrhunderts gezogen hat.
Die Pro Potsdam übernimmt als kommunale Wohnungsbaugesellschaft komplexe Stadtentwicklungsaufgaben im boomenden Potsdam. Geschäftsführer Bert Nicke schilderte, wie im Norden der Stadt aus dem seit Jahrzehnten brachliegenden Kasernenstandort Krampnitz ein neues Stadtquartier entsteht, in dem unter anderem neue Formen der Mobilität erprobt werden.
Zeit für einen Perspektivwechsel
In der von Dr. Bernd Hunger, Vorstandsvorsitzender des Kompetenzzentrums Großsiedlungen moderierten abschließenden Podiumsdiskussion wurde deutlich: Ein Perspektivwechsel in der Wahrnehmung der Großsiedlungen durch die Öffentlichkeit kann gelingen. Mit der Erneuerung ihrer Infrastruktur, der Neugestaltung der Wohnumfelder und der Modernisierung der Wohngebäude entstehen neue baukulturelle Qualitäten und Bilder, auf die das bei vielen eingeprägte Bild der eintönigen Wohn- und Schlafstadt längst nicht mehr zutrifft.
Ebenso seien gestalterische Qualität und urbane Vielfalt für eine positive Wahrnehmung neuer Stadtquartiere gefordert, die mit Blick auf die Anforderungen des Klimawandels konzipiert sind, aber naturgemäß Zeit brauchen, um in die bestehenden Stadtkörper hineinzuwachsen. (hun)