Wohnungsbau im freien Fall: Dramatische Verschärfung der Wohnungskrise droht
Im Zentrum der Kritik steht die aus Sicht der Branche ausbleibende politische Umsetzung längst bekannter Maßnahmen.
„Der Wohnungsbau muss jetzt endlich Fahrt aufnehmen. Also: Schluss mit endlosen Diskussionen über Probleme, stattdessen schnelle Umsetzung der notwendigen Maßnahmen. In angespannten Märkten brauchen wir schnell eine ‚Fast-Lane‘ – also einen verbindlichen Abwägungsvorrang – für das Wohnen, bundesweit einen rechtlich verlässlichen Basisstandard, die steuerliche Förderung des EH55 EE und Förderkonditionen, die sich nicht im Wochentakt ändern, sondern endlich eine Planbarkeit ermöglichen“, sagte Axel Gedaschko, Präsident des Spitzenverbandes der Wohnungswirtschaft GdW.
Das Verbändebündnis Wohnungsbau schätzt die Entwicklung insgesamt als dramatisch ein. Deutschland steckt in einer tiefen strukturellen Wohnbaukrise und liegt weiterhin deutlich unter dem benötigten Niveau von 400.000 Wohnungen pro Jahr. Besonders alarmierend: Die Branche rechnet für 2026 sogar mit einem weiteren Absturz auf unter 200.000 neu gebaute Wohnungen.
Die Verbände warnen vor weitreichenden Folgen für Mieter, Unternehmen und die gesamte Volkswirtschaft. Fehlender Wohnraum verschärft soziale Spannungen, gefährdet die Fachkräftegewinnung und wirkt zunehmend als Standortnachteil für Deutschland. Gleichzeitig drohen Produktionskapazitäten im Bau verloren zu gehen, die später dringend benötigt würden.
Auch andere Spitzenvertreter der Branche schlagen Alarm. Katharina Metzger, Präsidentin des Bundesverbands Deutscher Baustoff-Fachhandel (BDB), kritisierte die schleppende Umsetzung der angekündigten Reformen:
„Es gibt kein Erkenntnisproblem, wie der Koalitionsvertrag zeigt, sondern ein Umsetzungsproblem. Mit Umsetzungen von Maßnahmen zum ‚Gebäudetyp E‘ oder einer neuen Fördersystematik bis Januar 2027 ist die Hälfte der Legislaturperiode vergangen, ohne dass wirklich Akzente gesetzt wurden.“
Wolfgang Schubert-Raab, Präsident des Zentralverbands Deutsches Baugewerbe (ZDB), verwies auf die gesamtwirtschaftliche Bedeutung des Wohnungsbaus:
„Die Wohnungsnot wächst. Deswegen brauchen wir sofort eine Förderpolitik, die Investitionen in den Wohnungsbau lenkt, damit endlich nach Bedarf gebaut wird. Das ist nicht nur Sozialpolitik. Das ist Wirtschaftspolitik.“
Auch Dirk Salewski, Präsident des Bundesverbands Freier Immobilien- und Wohnungsunternehmen (BFW), sah den Wirtschaftsstandort Deutschland gefährdet:
„Wenn Häuser und Wohnungen fehlen, dann ist das ein knallharter Standortnachteil. Es wird Zeit, dass aus den Ankündigungen endlich Gesetze werden.“
Dr. Hannes Zapf, Vorsitzender der Deutschen Gesellschaft für Mauerwerks- und Wohnungsbau (DGfM), warnte vor einem dauerhaften Verlust von Baukapazitäten:
„Wenn die noch vorhandenen Produktionskapazitäten erhalten werden sollen, braucht es eine schnelle Antwort auf die Frage: Kommt da noch was?“
Und auch die Industriegewerkschaft Bauen-Agrar-Umwelt (IG BAU) sieht massiven Handlungsbedarf. Ihr Bundesvorsitzender Robert Feiger erklärte:
„Will die Bundesregierung die Bremse beim Wirtschaftswachstum lösen, muss sie den bezahlbaren Wohnungsbau in Schwung bringen.“
Parallel zu den alarmierenden Fertigstellungszahlen haben zahlreiche Verbände der Bau-, Planungs-, Immobilien- und Wohnungswirtschaft einen gemeinsamen „Bau-Turbo II“ gefordert. In einem breit getragenen Appell an die Bundesregierung mahnen BAUINDUSTRIE, ZIA, GdW, BFW, BDA, BDB, IVD, VBI, VDIV, vdp und weitere Organisationen endlich konkrete Umsetzungsschritte an.
Die zentralen Forderungen der Branche
- Ein neuer gesellschaftlicher Konsens für den Wohnungsbau
Wohnungsbau soll in angespannten Märkten als „überragendes öffentliches Interesse“ im Baugesetzbuch verankert werden. Zudem sollen Aufstockungen, Nachverdichtungen und Umnutzungen deutlich erleichtert werden. - Verlässliche Förderpolitik
Gefordert werden einfache, langfristige und planungssichere Förderprogramme. Die neue KfW-Förderkulisse müsse bereits 2026 schrittweise eingeführt werden. - Bessere steuerliche Rahmenbedingungen
Die Verbände verlangen insbesondere eine praktikable Sonderabschreibung für EH55-Neubauten, Verbesserungen bei Abschreibungen sowie Entlastungen bei der Grunderwerbsteuer. - Stabile Finanzierung des Wohnungsbaus
Gefordert werden eigenkapitalentlastende Instrumente, Förderdarlehen und weniger regulatorische Hemmnisse für Neubaufinanzierungen. - Einfacheres und günstigeres Bauen durch den Gebäudetyp E
Die Branche fordert einen bundeseinheitlichen, praxistauglichen und rechtssicheren Standard für einfacheres Bauen. - Keine weitere Verschärfung der Mietenregulierung
Wiederholte Eingriffe ins Mietrecht und politische Unsicherheiten würden Investitionen in Neubauprojekte zunehmend verhindern.
Die Branche macht deutlich: Die Lösungen lägen längst auf dem Tisch. Nun müsse die Bundesregierung endlich vom Ankündigen ins Handeln kommen. Denn für die Verbände steht fest: Bezahlbares Wohnen ist nicht nur eine soziale Frage, sondern auch Voraussetzung für wirtschaftliche Stabilität, gesellschaftlichen Zusammenhalt und die Zukunftsfähigkeit des Standorts Deutschland. (schi)