Neubau statt Verstaatlichung: Studie zeigt Wohnungsbau-Potenzial – Mehrheit der Deutschen lehnt „Vergesellschaftung“ ab
Mit der Regierungsbildung nach der Berliner Abgeordnetenhauswahl am 20. September steht auch eine wohnungspolitische Richtungsentscheidung an. Die siegreiche Linke will mit Grünen und SPD über ein gemeinsames Bündnis sprechen und drängt auf die Umsetzung des Volksentscheids zur Vergesellschaftung großer Wohnungsunternehmen von 2021. Doch ein Eigentümerwechsel schafft keinen zusätzlichen, dringend benötigten Wohnraum. Wie sich die Knappheit tatsächlich verringern lässt, zeigt ein neues Gutachten des Kiel Instituts für Weltwirtschaft im Auftrag der Wirtschaftsinitiative „Berlin denkt weiter“ mit dem Titel „Ökonomische Effekte der Vergesellschaftung großer Wohnungsbestände am Beispiel Berlins“.
Milliarden für neue Wohnungen einsetzen
Eine entsprechende Investition in den Neubau könnte bis 2045 bis zu 71.000 neue Wohnungen ermöglichen, zeigt die Veröffentlichung im Auftrag der Unternehmensverbände Berlin-Brandenburg (UVB). Die Angebotsmieten könnten dann um bis zu 8,7 Prozent unter der ansonsten erwarteten Entwicklung liegen.
Die Wirkung reicht über die neu gebauten Wohnungen hinaus: Wer umzieht, macht meist eine andere Wohnung frei. Diese Umzugsketten entlasten weitere Haushalte und verringern den Preisdruck. Besonders wirksam wäre nach den Modellrechnungen zusätzlicher Wohnraum im unteren Mietsegment.
Eine Verstaatlichung würde dagegen nach Einschätzung der Kieler Forscher die Kluft zwischen begünstigten Bestandsmietern und Wohnungssuchenden vertiefen. Während die einen von begrenzten Mieten profitierten, bliebe für die anderen das knappe Angebot bestehen. Hinzu kämen finanzielle Risiken für Berlin und mögliche negative Folgen für die Investitionsbereitschaft. Die UVB fordern deshalb, öffentliche Mittel für die Ausweitung des Angebots einzusetzen.
73 Prozent bezweifeln die Wirksamkeit
Auch in der Bevölkerung überwiegt die Skepsis gegenüber einer Verstaatlichung großer Wohnungsbestände. In einer Forsa-Umfrage im Auftrag von stern und RTL wurde danach gefragt, ob die Enteignung großer Wohnungsbaugesellschaften geeignet sei, hohe Mieten zu bekämpfen. 73 Prozent der Deutschen verneinen dies, 24 Prozent halten die Maßnahme für geeignet, drei Prozent sind unentschieden. Befragt wurden am 24. und 25. September bundesweit 1.009 Menschen. Die Ergebnisse bilden damit die Stimmung in Deutschland insgesamt zum Thema der Verstaatlichung von Wohnungsbeständen ab.
Investitionen ermöglichen, bezahlbaren Wohnraum schaffen
Bezahlbares Wohnen braucht zusätzliche Wohnungen und verlässliche Investitionsbedingungen. Das mahnt die sozial orientierte Wohnungswirtschaft seit Langem an. Milliarden für die Übernahme bestehender Wohnungen zu binden, ohne das Angebot zu vergrößern, wäre absolut kontraproduktiv – denn es würde weder den vielen verzweifelten Wohnungssuchenden noch dem Wirtschaftsstandort Deutschland helfen. Für den künftigen Berliner Senat sollte deshalb die Frage im Vordergrund stehen, wie mehr bezahlbare Wohnungen entstehen können. Aus Sicht des Spitzenverbandes der Wohnungswirtschaft GdW gehören dazu preisgünstige Baugrundstücke, schnellere und digitale Genehmigungsverfahren sowie eine starke soziale Wohnraumförderung. Öffentliche Mittel sollten dort wirken, wo sie zusätzlichen Wohnraum für Mieterinnen und Mieter schaffen und den angespannten Markt dauerhaft entlasten.
Das Gutachten des Kiel Instituts finden Sie hier.